Die digitale Transformation prägt unseren Alltag, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft – und stellt uns dabei immer wieder vor grundlegende Fragen: Wie gehen wir mit den Zielkonflikten um, die neue Technologien und gesellschaftlicher Wandel mit sich bringen? Welche Werte sind uns wie wichtig?
Im Fazit der letztjährigen Studie hielten wir fest, dass die Schweiz vor der Herausforderung steht, gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Chancen und Risiken der Digitalisierung abzuwägen, wobei insbesondere Grundwerte wie Freiheit, Sicherheit, Gleichheit und Nachhaltigkeit neu diskutiert und miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Dabei gibt es verschiedene Leitprinzipien, die als gleich wichtig empfunden werden können, sich aber teilweise widersprechen. Die Frage, wie die Bevölkerung solche Zielkonflikte bewertet, blieb noch offen. Und genau diesen Fragen sind wir in der diesjährigen Ausgabe nachgegangen. Dabei haben wir konkrete Zielkonflikte in den Fokus gerückt: Soll zum Beispiel die Meinungsfreiheit im Netz Vorrang vor strengeren Regeln gegen Falschinformationen und hetzerische Inhalte haben? Oder sind wir bereit, zugunsten eines stärkeren Datenschutzes gewisse Abstriche beim Komfort digitaler Dienste in Kauf zu nehmen? Die Ergebnisse zeigen nicht nur, was der Schweizer Bevölkerung heute wichtig ist, sondern auch, wo die Gesellschaft künftig womöglich bereit ist, Kompromisse einzugehen – und wo nicht.

Mehr Schutz vor Falschinformationen – auch auf Kosten der Meinungsfreiheit
In der Schweiz wird die Regulierung von digitalen Plattformen derzeit politisch wie auch gesellschaftlich intensiv diskutiert – etwa die Frage, wie gegen Desinformation und Hassrede vorgegangen werden soll, welche Verantwortung Plattformen für Inhalte tragen und wie transparent ihre Algorithmen sein müssen. Eine klare Mehrheit von 69 % der Befragten spricht sich für strengere Regeln gegen Falschinformationen und hetzerische Inhalte aus, selbst wenn dies die Meinungsfreiheit einschränkt. Besonders ältere Generationen (50+) unterstützen solche Massnahmen mit bis zu über 80 % Zustimmung, während Jüngere deutlich zurückhaltender sind (56 % der 16 – 25-Jährigen und 54 % der 26 – 34-Jährigen stimmen zu). Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Jüngere den Zielkonflikt zwischen Meinungsfreiheit und strengeren Regeln unmittelbarer erleben, nicht zuletzt, weil sie stärker mit sozialen Medien aufgewachsen sind und deren Nutzen im Alltag intensiver erfahren.
Regional und politisch zeigen sich weitere Unterschiede: In der Westschweiz liegt die Zustimmung für strengere Regeln gegen Falschinformationen und hetzerische Inhalte bei 77 %, in der Deutsch- und italienischsprachigen Schweiz bei 67 % bzw. 68 %. Die Romandie hat historisch eine stärkere Tradition der staatlichen Regulierung, etwa in der Sozial- und Wirtschaftspolitik (Calendo & Rutz, 2018). Dies könnte sich auch auf die Erwartungshaltung gegenüber digitalen Plattformen übertragen. Ausserdem werden in der Westschweiz öffentlich-rechtliche Sender deutlich häufiger konsumiert als in der Deutschschweiz (z. B. RTS als starker öffentlich-rechtlicher TV-Sender mit einem Marktanteil von 54 % vs. 33 % bei SRF) (Suisse Romande, 2025 sowie SRF, 2026). Dies könnte dazu beitragen, dass staatliche oder institutionelle Lösungen im Medien- und Plattformbereich tendenziell positiver wahrgenommen werden. Ausserdem befürworten Personen mit einer linken politischen Einstellung Regulierung am stärksten (86 %), während rechts orientierte Befragte mit 54 % deutlich skeptischer sind. Aktuell wird das Thema auf der politischen Agenda durch den Entwurf des neuen Gesetzes über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen (KomPG) (Eidgenössiches Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK), 2025) sowie die laufende «Internet-Initiative» geprägt (Internet-Initiative, o. J.).
Innovation aktiv gestalten: Die Schweiz setzt auf Mitgestaltung statt Abwarten
Eine Mehrheit von 59 % der Schweizer Bevölkerung spricht sich dafür aus, dass die Schweiz neue Technologien wie Künstliche Intelligenz aktiv mitgestaltet und früh eigene Strategien und Anwendungen fördert, um innovativ und konkurrenzfähig zu bleiben; anstatt dass die Schweiz technologische Entwicklungen wie KI zunächst beobachtet und erst handelt, wenn Chancen und Risiken klarer erkennbar sind (35 %). Gleichzeitig zeigen sich Unterschiede je nach gesellschaftlicher Position: Männer, ältere Personen und Hochgebildete unterstützen dieses Ziel häufiger als Frauen, jüngere Personen und Personen mit einer geringeren Ausbildungsstufe. Auch berufliche und politische Kontexte spielen eine Rolle: In technologie- und industrienahen Branchen ist die Zustimmung besonders hoch, während sie im Gesundheits- und Sozialwesen verhaltener ausfällt. Politisch zeigt sich ein ähnliches Muster wie bei anderen Digitalthemen: Personen aus der Mitte und dem linken Spektrum befürworten aktive Gestaltung häufiger als rechts orientierte. Zudem hängt die Haltung davon ab, wem man Verantwortung zuschreibt: Wer Unternehmen stärker in der Pflicht sieht, unterstützt Innovation eher als jene, die primär den Staat in der Verantwortung sehen.
Zwischen Haltung und Handling: Das Privacy-Paradox der Schweiz
Die Schweizer Bevölkerung hat eine klare Haltung zum Thema Datenschutz: 76 Prozent priorisieren den Schutz ihrer persönlichen Daten – selbst wenn das bedeuten könnte, dass digitale Anwendungen dadurch komplizierter oder weniger bequem werden. Besonders bemerkenswert ist, dass diese Haltung unabhängig von Alter, Bildungsstand oder Einkommen geteilt wird. Datenschutz ist also kein Nischenthema, sondern ein gesellschaftlicher Konsens.
So deutlich diese Haltung ist, so unterschiedlich ist aber das reale Verhalten oftmals: Eine Mehrheit stimmt ungelesenen AGBs zu, gewährt unterschiedlichsten Apps Zugriff auf das Adressbuch oder teilt private Inhalte in sozialen Netzwerken. Dieses scheinbar widersprüchliche Verhalten wird in der Forschung als «Privacy Paradox» bezeichnet (Norberg et al., 2007). Die Gründe sind vielfältig: Datenspuren sind unsichtbar, ihr Wert schwer greifbar. Zudem spielen psychologische Mechanismen eine zentrale Rolle: Wir orientieren uns am Verhalten anderer («Wenn alle ihre Daten teilen, kann es ja nicht so schlimm sein») und lassen uns von der Art und Weise, wie uns Entscheidungen präsentiert werden (z. B. bei Cookie-Einstellungen), beeinflussen. Hinzu kommt, dass wir Menschen kurzfristigen Nutzen (gefühlt «gratis» Dienstleistung oder soziale Anerkennung durch Likes) höher gewichten als langfristige Konsequenzen. Dieses Phänomen, auch «Hyperbolic Discounting» genannt, führt dazu, dass wir unsere Privatsphäre im Alltag oft vernachlässigen, bzw. gar nicht auf dem Radar haben – obwohl wir sie eigentlich schützen wollen (Waldman, 2020).
Im Expert:innen-Workshop wurde betont, dass die Bevölkerung unterschiedliche Erwartungen an den Staat und an das eigene Handeln im privaten Raum stellt: Während vom Staat klare Regeln und Transparenz gefordert werden, fehlt im Alltag oft das Bewusstsein für die eigenen Datenschutzmöglichkeiten. Zudem weisen die Expert:innen darauf hin, dass es bisher kaum bezahlbare und nutzerfreundliche Alternativen gibt, die Datenschutz und Komfort vereinen.
Ein weiterer zentraler Punkt war die fehlende persönliche Risikowahrnehmung. Viele Menschen empfinden Datenschutz nicht als akute Bedrohung, da sie selbst noch nie negative Folgen erlebt haben.
Expert:innen sind sich einig, dass für die meisten Personen Datenschutz ein abstraktes Thema bleibt, solange sie keine konkreten Erfahrungen damit machen. Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, nicht nur über mögliche Gefahren aufzuklären, sondern auch praktikable Lösungen anzubieten, die Datenschutz im Alltag erlebbar und umsetzbar machen.
Die digitale Transformation stellt die Schweiz vor zentrale Zielkonflikte, die weniger als Gegensätze, denn als Fragen der Abwägung und Ausbalancierung zu verstehen sind: Zwischen Meinungsfreiheit und Regulierung, Datenschutz und Nutzerkomfort sowie Innovation und Vorsicht. Die Studie zeigt, dass die Bevölkerung diese Spannungsfelder je nach Alter, Sprachregion und politischer Haltung unterschiedlich bewertet.
In Hinblick auf die strengere Regulierung von Desinformation und hetzerischen Inhalten auf sozialen Plattformen (gegenüber Meinungsfreiheit) zeigt die hohe Zustimmung, dass die Bevölkerung klare und verbindliche Standards unterstützt – vorausgesetzt, diese sind transparent und nachvollziehbar. Gleichzeitig muss die Politik die Komplexität der Zielkonflikte anerkennen und Raum für partizipative Prozesse schaffen, um Akzeptanz und Legitimität in der Breite zu sichern. Die aktuellen Debatten um das KomPG und die «Internet-Initiative» unterstreichen diesen Bedarf: Beide Vorhaben zielen darauf ab, Plattformen und KI-Anbieter stärker in die Pflicht zu nehmen – etwa beim Schutz vor sexualisierter Gewalt, Cyberkriminalität oder gewaltverherrlichenden Inhalten. Wie die Rechte und Freiheiten der Nutzer:innen tatsächlich gestärkt werden, hängt davon ab, welche Instrumente zur Umsetzung gewählt werden und ob es der Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam gelingt, wirksame Schutzmechanismen mit demokratischer Teilhabe zu verbinden.
Das «Privacy Paradox» zeigt, dass Datenschutz zwar ein gesellschaftlicher Konsens ist, im Alltag aber auf widersprüchliches Verhalten stösst. Hier sind Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam gefordert, Lösungen zu schaffen, die Datenschutz nicht als Verzicht, sondern als selbstverständlichen Standard erlebbar machen. Aufklärung allein reicht nicht – es braucht konkrete, niedrigschwellige und vertrauensvolle Angebote, die den Menschen die Kontrolle über ihre Daten zurückgeben, ohne sie zu überfordern – etwa verständliche Datenschutzeinstellungen, datenschutzfreundliche Voreinstellungen («Privacy by Default»), transparente Einwilligungsmechanismen oder einfache Opt-out-Möglichkeiten.