Digitale Welt: Vertrauen und Verantwortung

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Vertrauen ist eine zentrale Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens und wird in der digitalen Welt neu ausgehandelt – zwischen Menschen, Institutionen und Technologien. Wem vertraut die Schweizer Bevölkerung bei digitalen Diensten, und wem schreibt sie Verantwortung zu?

Vertrauen ist ein zentraler Bestandteil einer funktionierenden Gesellschaft – in der Politik, in der Wirtschaft und in der Zivilgesellschaft. In der digitalen Welt wird es jedoch neu verhandelt: Es muss nicht nur zwischen Menschen und Institutionen bestehen, sondern auch gegenüber Technologien, Plattformen und unsichtbaren Infrastrukturen, die unseren digitalen Alltag zunehmend prägen. Damit rücken insbesondere Fragen in den Vordergrund, wem in diesem digitalen Umfeld Vertrauen entgegengebracht wird und wem die Verantwortung für die Gestaltung digitaler Dienste zugeschrieben wird.

Mit dem DigitalBarometer wollen wir diese Perspektiven gezielt erfassen: Wem vertraut die Bevölkerung bei sensiblen digitalen Diensten? Wer soll aus Sicht der Bevölkerung die Hauptverantwortung für deren Gestaltung tragen? Und würden spezifische Labels (z. B. «Made in Switzerland») das Vertrauen in digitale Angebote stärken?

Wir haben die Bevölkerung gefragt, ob ein Herkunftslabel wie «Made in Switzerland» oder «Made in Europe» das Vertrauen in digitale Dienste stärken würde. 83 % der Befragten, über alle Generationen hinweg, haben bejaht, dass ein Label «Made in CH» ihr Vertrauen stärken würde. Zum Vergleich liegt dieser Anteil beim Label «Made in EU» bei 53 %. Diese Resultate lassen sich vor dem Hintergrund der Forschung zum sogenannten «Country-of-Origin-Effekt» einordnen, wonach Herkunftsangaben als vereinfachende Vertrauenskriterien dienen und insbesondere in digitalen Kontexten fehlende Erfahrbarkeit teilweise ersetzen können und als Orientierungshilfe für die Einschätzung von Qualität verstanden werden (Ozdemir et.al., 2023). Herkunftslabels werden dabei nicht nur als geografische Information gelesen, sondern häufig auch mit bestimmten Erwartungen an Regulierung, Datenschutzstandards, technische Qualität, Sicherheit und institutionelle Rahmenbedingungen verknüpft. Gerade im Bereich digitaler Dienste, bei denen technische Prozesse für Nutzer:innen oft nicht unmittelbar sichtbar sind, könnten solche Signale eine wichtige Funktion bei der Bewertung von Vertrauenswürdigkeit übernehmen (Scharowski et.al., 2023). Die Ergebnisse aus der Umfrage zeigen, dass ein Label wie «Made in Switzerland» im digitalen Raum eine starke Vertrauensfunktion übernehmen könnte und dass die Schweiz auf ihrem bestehenden Vertrauenskapital aufbauen kann.

 

Der Staat gewinnt das Mandat für zentrale E-Services

Wir haben die Bevölkerung gefragt, in welchem Ausmass sie bei der Entwicklung digitaler Dienste Vertrauen in den Staat bzw. in private Unternehmen setzt – denn dieses Vertrauen als Nutzer:in ist zentral für eine akzeptierte und wirksame Digitalisierung in der Schweiz. Dieses Vertrauen ist nicht nur bei staatlichen Anwendungen wichtig, sondern auch generell bei digitalen Diensten, die mit sensiblen Daten zu tun haben. Sei es im privaten oder öffentlichen Bereich.

Der diesjährige DigitalBarometer zeigt, dass dem Staat bei der Entwicklung und Bereitstellung solcher sensiblen digitalen Dienste insgesamt mehr Vertrauen entgegengebracht wird als privaten Unternehmen. Am Beispiel der elektronischen Identitätslösung (E-ID) geben 56 % der Befragten an, dem Staat zu vertrauen, während nur 18 % privaten Unternehmen in diesem Kontext Vertrauen zuschreiben.

Vergleichbare Muster zeigen sich auch bei weiteren abgefragten digitalen Anwendungen wie digitalen Verwaltungsdiensten (E-Gov), digitales Patientendossier (E-PD), digitale Unterschriftensammlung (E-Collecting) und digitale Stimmabgabe bei Wahlen (E-Voting). Die Ergebnisse beschreiben somit die aktuelle Wahrnehmung unterschiedlicher institutioneller Rollen in der Entwicklung digitaler Dienste in der Schweiz und zeigen, dass Vertrauen je nach Akteur unterschiedlich ausgeprägt ist und anwendungsspezifisch variiert. Dass dem Staat in diesem Kontext mehr Vertrauen entgegengebracht wird als privaten Unternehmen, ist angesichts des staatsnahen Charakters der abgefragten Dienste erwartbar.

Eine mögliche Erklärung für das vergleichsweise geringere Vertrauen in die privaten Unternehmen ist, dass dem Staat im institutionellen Verständnis der Bevölkerung eine besondere Verantwortung für den Schutz von Grundrechten sowie für die Bereitstellung und Regulierung demokratierelevanter Infrastrukturen zugeschrieben wird. Die abgefragten digitalen Dienste beziehen sich häufig auf sensible Bereiche, in denen Fragen des Zugangs, der Integrität und des Datenschutzes eine zentrale Rolle spielen und daher stärker mit staatlichen Aufgaben in Verbindung gebracht werden.

Aus dieser Perspektive ergibt sich für privatwirtschaftliche Akteure zugleich die Möglichkeit, durch nachvollziehbare Sicherheitsstandards, transparente Governance-Strukturen und eine erkennbare Orientierung am öffentlichen Interesse Vertrauen gezielt aufzubauen. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Wahrnehmung der privaten Unternehmen in der vorliegenden Studie nicht differenziert zwischen nationalen und internationalen Unternehmen, was insbesondere im Kontext von «Swissness»-bezogenen Vertrauenssignalen, auf die vorher eingegangen wurde, eine relevante Rolle spielen kann.

Der Staat nimmt eine zentrale Rolle bei der Wahrung der Interessen und des Wohls der Schweizer Bevölkerung ein – insbesondere auch im digitalen Raum. Die Diskussionen rund um die E-ID haben gezeigt, dass die Schweizer Bevölkerung noch viele Unsicherheiten in Bezug auf digitale Dienste hat. Das zeigte auch das knappe Ergebnis, bei dem die E-ID mit 50,39 % in der Schweiz angenommen wurde. Initiativen, die auf partizipative Einbindung setzen – etwa im Kontext von E-Collecting – zeigen, wie staatliche Akteure diese Dynamik aufgreifen können, um Transparenz zu stärken, Vertrauen weiterzuentwickeln und die digitale Transformation gemeinsam mit der Bevölkerung zu gestalten.

 

Von links bis rechts: Bevölkerung sieht Staat in Hauptverantwortung für sichere Gestaltung digitaler Dienste

Neben der Frage des Vertrauens stellt sich auch die Frage, welcher Akteur aus Sicht der Bevölkerung die Hauptverantwortung dafür trägt, dass digitale Technologien sicher und verantwortungsvoll gestaltet werden. Im Unterschied zu den zuvor betrachteten digitalen Diensten geht es hier um digitale Technologien im Allgemeinen, also auch um privat entwickelte Systeme, Plattformen und Infrastrukturen. Dabei ist davon auszugehen, dass die Vorstellungen einer «verantwortungsvollen Gestaltung» in der Bevölkerung nicht einheitlich sind, jedoch häufig mit Aspekten wie dem Schutz von Daten und Privatsphäre, der Verlässlichkeit digitaler Infrastrukturen, Transparenz in der Funktionsweise sowie der Einhaltung rechtlicher und ethischer Standards verknüpft werden.

Regional zeigen sich bei dieser Frage signifikante Unterschiede zwischen der Deutschschweiz und der Romandie. In der Westschweiz sehen 49 % den Staat in der Hauptverantwortung, während dieser Anteil in der Deutschschweiz bei 34 % liegt. In der italienischen Schweiz sind es 39 %. Diese Unterschiede deuten auf unterschiedliche Erwartungshaltungen gegenüber staatlicher Steuerung hin und stehen im Einklang mit weiteren Befunden des DigitalBarometers, in denen die Romandie tendenziell eine stärkere Zustimmung zu regulierenden Eingriffen zeigt (vgl. Kapitel 4 zu digitalen Zielkonflikten, insbesondere im Spannungsfeld zwischen Meinungsfreiheit und der Regulierung von Desinformation und Hassrede). Unternehmen werden, unabhängig von den Sprachregionen, vergleichsweise selten als Hauptverantwortliche genannt (18 %).

In den qualitativen Expert:innen-Workshops wurde ebenfalls betont, dass dem Staat eine zentrale Rolle in der Gestaltung zukommt. Gleichzeitig sehen die Expert:innen die Verantwortung in der konkreten Umsetzung stärker bei den Unternehmen, insbesondere da diese näher an der Entwicklung und dem Betrieb digitaler Dienste sind.

Fazit und Empfehlungen

Die Umfrage zeigt ein erhebliches Potenzial für den Ausbau vertrauenswürdiger «Swiss Made»- Digitallösungen – sowohl auf Ebene von Infrastruktur als auch bei Software und Standards. Dieses noch zu nutzende Potenzial gründet auf einem bereits vorhandenen Vertrauen in heimische Angebote, das jedoch gezielt weiterentwickelt werden muss. Im qualitativen Expert:innen-Workshop wurde in diesem Zusammenhang betont, dass eine strategische Nutzung von «Swissness» im digitalen Raum nicht automatisch gegeben ist, sondern gezielte Investitionen in Vertrauen, Standards und digitale Infrastruktur erfordert. Nur wenn Herkunft nicht lediglich als symbolisches Label verstanden wird, sondern durch glaubwürdige Rahmenbedingungen und Qualitätsansprüchen unterlegt ist, kann sie ihr volles Potenzial als Standort- und Vertrauensfaktor im digitalen Raum entfalten.

Ein zentraler Hebel zur Förderung von «Swissness» im digitalen Raum wären staatliche Ausschreibungen, die Schweizer und europäische Anbieter stärker berücksichtigen. Dadurch liesse sich eine strukturierende Nachfrage schaffen und die Entwicklung eines tragfähigen lokalen digitalen Ökosystems unterstützen. Weitere im Rahmen der Diskussionen genannte Ansätze waren etwa die Schaffung eines «Schweizer App Stores» oder eines Schweizer Cloud-Angebots als alternative Infrastruktur- und Plattformlösungen. Die Experten wiesen darauf hin, dass das Label «Made in Switzerland» und das damit verbundene Vertrauen echte Chancen bietet, die es noch zu nutzen gelte. Dabei sei es wichtig, den Fokus nicht nur auf Software und technologische Lösungen zu legen, sondern auch Infrastrukturen, Standards (z. B. APIs) sowie lokale Rechenkapazitäten (Server) mit einzubeziehen.

Die Politik nimmt in diesem Kontext eine zentrale Rolle ein, insbesondere bei der Setzung von Leitplanken und der Förderung eines funktionierenden digitalen Ökosystems. Gleichzeitig ist zu betonen, dass die Erreichung digitaler Souveränität auf die Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen und Zivilgesellschaft angewiesen ist. Auch im Expert:innen Workshop wurde betont, dass Staat und Wirtschaft Innovation gemeinsam fördern müssen. Eine gezielte, am Gemeinwohl orientierte Zusammenarbeit zwischen den Akteuren bietet daher die Chance, Vertrauen aufzubauen, bestehende Stärken zu bündeln und Innovation nachhaltig zu fördern.

Vertrauen erweist sich dabei als zentraler Hebel für Fortschritt. Dieses kann durch transparente Prozesse, verständliche Kommunikation über Technologien und Datennutzung sowie durch partizipative Formate weiter gestärkt werden. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass die Voraussetzungen für einen aktiven Gestaltungsschub gegeben sind – entscheidend ist, diese durch koordiniertes Handeln und eine klare strategische Ausrichtung zu nutzen.

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